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Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

Der Roman „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“, auf der Shortlist für den Coburger Rückert-Preis, ist ein seltener Glücksfall. Der Autor vollbringt das Meisterstück, die bedrückende Gegenwart seines Heimatlandes mit köstlichem Humor zu.
Shariar Mandanipurs Werk schlägt den Leser sofort in seinen Bann. Dabei ist es auf den ersten Blick alles andere als auf Spannung angelegte Unterhaltung. Bereits auf Seite 2 erfahren wir, dass die Heldin dieser Liebesgeschichte in sieben Minuten und sieben Sekunden einem Zusammen­stoß zwischen Demonstranten, Polizei und den Anhängern der „Partei Gottes“ zum Opfer fallen und sterben wird. Dennoch fasziniert uns ihre in einer Rückblende erzählte Geschichte von den ersten Zeilen an bis zur Schlussszene, und dies, obgleich der Gang der Handlung immer wieder durch Überlegungen des Autors unterbrochen wird – und nicht nur das. Vielmehr ist der Roman voll von intertextuellen Bezügen nicht nur zur iranischen, sondern auch zur abendländischen Literatur. Ironisch bricht der Verfasser das Verhältnis zwischen Autor, Text und Zensor. Er spielt souverän mit verschiedenen Textebenen und vollbringt das Meister­stück, eine bedrückende Gegenwart mit feinem Humor so zu schildern, dass die Lektüre zu einem Vergnügen wird. Um dem westlichen Leser die Anspielungen auf die iranische Geschichte und Literatur verständlich zu machen, wurde die in den USA veröffentlichte englische Version des Romans von der Übersetzerin Sara Khalili in enger Zusammenarbeit mit dem Autor über­arbeitet. Diese diente auf seinen ausdrücklichen Wunsch als Grundlage für die deutsche Fassung. 

 

Die Liebesgeschichte von Sara und Dara

Sie liebt Bücher. Mit Hilfe einer öffentlichen Bibliothek sucht sie Zugang zur modernen Literatur, die von ihren Professoren beim Studium ausgeblendet wird. Obwohl die Bibliothek so eingerichtet ist, dass er als Mann nur ihre Schuhe zu Gesicht bekommt, verliebt er sich in sie. Als Straßenhändler verkleidet, lässt er ihr den wichtigsten persischen Roman des 20. Jahrhunderts zukommen, nach dem sie in der Bücherei vergebens gefragt hatte. Aber er verschafft ihr nicht nur einen literarischen Genuss, durch Punkte unter ausgewählten Buchstaben schreibt er ihr einen Liebesbrief. Damit beginnt  die Beziehung zweier junger Leute – trotz aller Hindernisse, die ihnen die rigorose Moral und repressive Gesetzgebung der Islamischen Republik Iran in den Weg legen. Der Autor nennt sie Sara und Dara nach Figuren aus der Fibel, mit der er einst schreiben gelernt hatte. Aber dann kommen ihm Bedenken: Die Fibel war ein Schulbuch aus der Schah-Zeit und Dara obendrein der Name der achämenidischen Großkönige Dareios. Doch für eine Umbenennung ist es zu spät; die Figuren haben ein Eigenleben gewonnen.

Liebe als Verbrechen

Umso mehr fürchtet der Verfasser für seine Geschichte. Deswegen streicht er ganze Passagen wieder aus seinem Text, die dem Leser aber als solche zugänglich bleiben. Er fürchtet sich vor dem iranischen Zensor, dem er den Namen Porfirij Petrowitsch gegeben hat. Wie der berühmt gewordene Untersuchungsrichter in Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe", der Raskolnikows Morde aufzuklären hatte, muss sich der iranische Zensor mit viel Einfühlungsvermögen an seine Arbeit machen, um den unmoralischen Schriftstellern, welche die iranische Jugend zu verderben drohen, auf die Schliche zu kommen. In immer neuen Zwiegesprächen mit dem Zensor verteidigt der Autor seine Story und erzählt uns nebenbei viel aus der iranischen Geschichte und Literatur, ohne dass er je pedantisch würde. Nur selten habe ich so interessante, amüsante Belehrungen gelesen.

 

Quelle: arte.tv, Buch- und KrimiWelt

 

 
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