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Der Colonel
Kultur


»Am Ende siegt das Leben«
Interview mit Mahmod Dolatabadi
von Moritz Behrendt / Foto: Abedin Taherkenareh/dpa-PA

zenith: Herr Doulatabadi, ist der Iran für Sie ein kaltes Land?

Mahmud Doulatabadi: Nein.

Ich frage, weil ich beim Lesen Ihres Buches gefroren habe.

Die Atmosphäre in dem Roman ist sehr kalt. Das Buch handelt vom Leben, von einem sehr tragischen Leben, erzählt in einer sehr gerafften Zeit. Dieses Leben strahlt Kälte aus.

Das betrifft in erster Linie die Familie, die zerfällt. Der Colonel erschießt die Frau, die Kinder sterben nach und nach. Ist diese Familie der Iran für Sie?

Der Roman ist vor 25 Jahren geschrieben worden und damals bedeutete das tatsächlich eine Wiederspiegelung der Gesellschaft, die sich im Zerfall befindet.

Frappierend in dem Buch ist, dass die Charaktere nicht wirklich miteinander sprechen können, es herrscht Sprachlosigkeit. Ist es für einen Schriftsteller eine besondere Herausforderung, über Leute zu schreiben, die kaum miteinander sprechen?

Es ist ja nicht so, dass in allen meinen Werken die Leute nicht miteinander reden können. Im Gegenteil, es gibt in vielen Romanen von mir wunderbare Dialoge zwischen den Personen. Aber hier wollte ich eine Familie schildern, deren Mitglieder tatsächlich sprachlos sind oder sich einander nicht mitteilen können. Es herrscht ein allgemeines Missverständnis. Das geht auf die Zeit unmittelbar nach der Revolution zurück. Es war eine Zeit des Missverständnisses. Das ist eine Ausnahmesituation, die hier beschrieben wird, eine historische Wende. Und in dieser Zeit haben die Menschen sehr große Schwierigkeiten, sich einander verständlich zu machen.


zenithonline

Mahmud Doulatabadi

wurde 1940 im Nordosten Irans geboren und besuchte
die Theaterakademie in Teheran. Heute lebt er als
freier Schriftsteller und Universitätsdozent für Literatur
in Teheran. Er hat zahlreiche Romane, Erzählungen,
Theaterstücke und Essays veröffentlicht und gilt als
bedeutendster Vertreter der zeitgenössischen
persischen Prosa. Das Interview wurde von
Bahman Nirumand gedolmetscht.


Es ist auch eine Zeit, die geprägt ist von Misstrauen. Einer ihrer Charaktere, Khazar David, arbeitete in der alten Ordnung, unter dem Schah, für den Geheimdienst. Nach der Revolution ist er wieder beim Geheimdienst. Was bewirkt dieses ständige Misstrauen?

Dieses Misstrauen ist entstanden aus den Erwartungen an die Revolution und der später folgenden Enttäuschung. Die Menschen haben gedacht, dass die Revolution ihnen gehört. Später mussten sie hinnehmen, dass nur eine Minderheit, diese Revolution für sich in Anspruch nimmt.

Im »Colonel« tauchen immer wieder historische Personen auf, die das Land in den letzten 100 Jahren geprägt haben. Vermissen Sie ein Bekenntnis zur eigenen Geschichte im heutigen Iran?

Der Versuch, mit der Vergangenheit aufzuräumen und sie zu negieren, den gab es zur Zeit der Revolution. Fortgesetzt wird das von einer bestimmten Minderheit, die es durchsetzen will, dass die Geschichte mit ihnen beginnt.

Nimmt die Bevölkerung das hin?

Das Volk nimmt das nicht hin, im Gegenteil, es lehnt eine solche Sichtweise ab. Das beste Zeichen dafür hat man im Sommer nach den Wahlen gesehen, wie unsere Jugend sich auf die Tradition des Landes berufen hat und diesen Prozess der Demokratisierung, der natürlich zu der Geschichte unseres Landes gehört, fortzusetzen versucht hat.

Sind Sie zuversichtlich, dass mit einer möglichen Demokratisierung die Iraner wieder sagen können, »wir sind Herr im eigenen Haus«? Sie schreiben, die Geschichte des Landes sei im Grunde nichts anderes als die Katastrophe, im eigenen Land fremd zu sein.

Diese Hoffnung hat es immer gegeben. Ich weiß nicht, ob sie in Erfüllung geht. In unserem Volk ist die Sehnsucht nach Entfaltung, nach Freiheit und nach Demokratie ungeheuer groß. Das ist das dominierende Gefühl der iranischen Bevölkerung. Diese Liebe zum Leben kollidiert an bestimmten Stellen mit der Gewalt der Gegenseite. Dadurch ist auch Gewalt ein sehr prägendes Merkmal der Gesellschaft. Aber am Ende siegt das Leben, nicht der Tod.zenithonline


Quelle: zenithonline
 
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