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Die poetische Sprengkraft von Frauenhaar Drucken
Kultur

 Radikaler, tiefer und schmerzhafter können privater und öffentlicher Raum wohl nicht getrennt sein als in Iran. In dieser Spannung bewegt sich die Kunst aus Teheran, die die Schweizer Kuratorin Susann Wintsch im Forum Schlossplatz in Aarau präsentiert.

Wer die Medienbilder vom Juni dieses Jahres, die wilden und blutig niedergeschlagenen Demonstrationen nach den Wahlen in Iran noch im Kopf hat, kommt in Aarau vorerst zur Ruhe. Das Politische und Gesellschaftliche, Gewalt, Zwänge, Alltag sind hier künstlerisch verarbeitet und laden zur Entdeckung ein. "Inside Teheran out" heisst die Ausstellung.
Im zentralen Ausstellungsraum bleibt der Blick vorerst an merkwürdig längsgestreiften Tapeten zwischen den Fenstern hängen.
Beim Nähertreten wird ein Muster erkennbar, und erst von ganz nah sieht man die vielen kleinen Passbilder einer Frau mit langem offenem Haar.
An die weisse Wand daneben sind mit Nägeln vier einzelne echte Haare gespannt, wie Saiten eines Musikinstruments: "The Sound of my Hair" heisst die Installation der 1979 in Teheran geborenen Konzeptkünstlerin Ghazaleh Hedayat.

Frauenhaar ist im Gottesstaat Iran aus dem öffentlichen Raum verbannt, unter das Kopftuch, den Tschador oder in die eigenen vier Wände. Die Künstlerin verweist auf die Vereinnahmung der Frau als Ikone des religiösen Systems und als Objekt der Erotik.

 Warten auf Freiheit

Ghazaleh Hedayat ist eine von neun Künstlerinnen und Künstlern, die in Teheran leben und nun mit ihrer Arbeit in der Ausstellung in Aarau vertreten sind.

Entdeckt und eingeladen wurden sie von der Schweizer Kuratorin Susann Wintsch, die sich seit langem mit aussereuropäischer Kunst auseinandersetzt, seit 2005 mit Kunst aus Iran.

Zusammen mit der in Deutschland lebenden Exiliranerin Parastou Forouhar hat sie Iran mehrmals besucht und 2007 eine DVD über zeitgenössische iranische Kunst produziert: "Analysing while waiting (For time to pass)".

"Das Warten auf Reformen, auf mehr Freiheit, gar auf eine Revolution war das vorherrschende Thema der Kulturschaffenden", sagt Susann Wintsch gegenüber swissinfo.ch.

 Nicht nur politisch

Gerade weil Iran nun durch die umstrittenen Präsidentschaftswahlen und die heftigen Strassenproteste so stark im Rampenlicht der Medien stand, werden die Künstler vorwiegend zur politischen Situation im Land befragt.

"Diese Installationen, Videos und Fotos sind aber nicht nur Informationsträger über Iran, sondern eben auch Kunstwerke, die sich in die Sprache der internationalen Kunst einschreiben und dort über das Iranische hinausgehen."

In der westlichen Welt ist die Kunst der Exiliraner bekannter als die in Iran selbst produzierten Werke. Dies hat damit zu tun, dass die Kunst im Exil direkt politisch ist und eher westliche Erwartungen erfüllt.

 " Es gibt eine Tendenz im Westen, nur das Konservative zu zeigen, und das Moderne, das es auch gibt, zu ignorieren. "
Susann Wintsch, Kuratorin

Modernes wird ignoriert

Susann Wintsch erwähnt den Begriff der Tschador-Art, unter dem man Kunst zusammenfasst, die westliche Klischees bedient, indem sie Frauen im Tschador darstellt.

In Wirklichkeit ziehen sich Frauen in Teheran ganz anders an, farbig, gemustert, in Hose, Mantel und Kopftuch, das mehr oder weniger Haar sehen lässt.

"Es gibt eine Tendenz im Westen, nur das Konservative zu zeigen, und das Moderne, das es auch gibt, zu ignorieren", bedauert Wintsch.

Die in Aarau präsentierten Arbeiten könnten alle auch in Iran gezeigt werden, einige waren bereits in Teheran ausgestellt. Sie mussten also die Zensur passieren.

 Vielschichtig

"Trotz Zensur greifen viele Künstler gesellschaftliche Themen auf, die dann doch wieder politisch sind, selbst wenn sie auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Sie formulieren Gegenbilder und Utopien", sagt die Kuratorin. Diese Arbeiten seien vielschichtiger und liessen viel mehr Deutungsspielraum offen als dezidiert politische Kunst.

So auch die Videoarbeit "Sundown" des 1980 geborenen Künstlers Hamed Sahihi. Sie zeigt in einem Schattenspiel eine idyllische Freizeitgesellschaft am Kaspischen Meer. Frauen spazieren vorbei, Kinder springen herum.

Plötzlich schwebt eine menschliche Figur am rechten Bildrand ganz langsam in den Himmel hinauf. Eine religiöse Anspielung? Wohl kaum. Die menschliche Figur mit vornüber hängendem Kopf erinnert eher an einen Gehenkten. So politisch kann Kunst sein – und so poetisch.

Quelle:
Susanne Schanda, Aarau, swissinfo.ch

 
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